Vom Wildtier zum Nutztier

Die Anfänge: Die Domestikation des Hundes

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Altsteinzeit

Der Wolf wurde bereits sehr früh zum Gefährten des Menschen: Jäger und Sammler knüpften vor 15.000 oder sogar mehr Jahren die ersten Bande, und so begleitet uns der Hund als unser ältestes Haustier schon seit der Altsteinzeit.

Von Jägern zu Bauern

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Huhn und Hund
Totoya Hokkei Japanese -

Die Domestikation bäuerlicher Wirtschaftstiere wie Rind, Schaf, Ziege oder Schwein setzte voraus, dass einst mobile Jäger-Sammler-Gruppen zumindest teilweise sesshaft wurden. Als der Mensch sesshaft wurde, etwa 4500 Jahre nach der Anfreundung der Wölfe, kam erst einmal das Tier zum Mensch.

Die Menschen legten rund um ihre Siedlungen Felder und innerhalb Vorratslager mit Getreide und Hülsenfrüchte an, und entsorgten ihre Abfälle in deren Nähe. Dies zog Wildschweine und Nagetiere an auf welche dann Wildkatzen folgten, dessen Jagdreviere sich nun in menschlicher Nähe befanden.
Als der Mensch begann, Wildgetreide zu kultivieren und die ersten Felder anlegte, öffnete er eine Nische für weitere Tiere. Wildschafe und Wildrinder kamen, um auf den Anpflanzungen und abgeernteten Feldern zu fressen. Einige Zeit später entdeckten Wildhühner die Reisfelder Südostasiens als neue Nahrungsquelle. Den Tieren war es das Risiko wert in menschlicher nähe zu sein, wenn sie eine ergiebige und dauerhafte Nahrungsquelle hatten.

Der Wandel: von Wild- zu Nutztier

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Detail eines Stiers aus einer Prozession von Opferträgern Nina de Garis Davies 1914; Original ca. 1390–1352 v. Chr.

Um die Ernte zu schützen, machte der Mensch Jagd auf die Tiere und nutzte sie als Fleischquelle. Durch bewusste Abfallplatzierung ließen sich die Tiere anlocken. Es baute sich eine neue Tier-Mensch-Beziehung auf. Mit der Zeit begannen sie wahrscheinlich auch, sich dort mehr oder weniger permanent aufzuhalten und schließlich sogar fortzupflanzen. Der Mensch lernte das enge Zusammenleben zu schätzen und fing „lebende Vorräte“ ein. Die permanente Tierhaltung begann. Die Menschen konnten die Bewegungsradien kontrollieren und auch die für Wildschafe und -ziegen üblichen langen Wanderungen zwischen Sommer- und Winterweiden unterbinden.

Von Ressource zur Arbeitskraft

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Der Leagros-Gruppe zugeschrieben ca. 510 v. Chr.

Mit der Zeit erkannte der Mensch weitere Vorteile der Tierhaltung, etwa Milchproduktion und Arbeitskraft. In den frühen Domestikationszentren, wie dem oberen Euphrat-Becken, wurde Wissen über Tierhaltung über weite Entfernungen ausgetauscht. Der Übergang von Wild- zu Haustieren verlief jedoch schrittweise: Anfangs kam es häufig zu Einkreuzungen mit wilden Tieren, da die Zuchtpraktiken noch nicht ausgereift waren. Eine klare Trennung entstand erst, als die vom Menschen gehaltenen Tiere sich nur noch untereinander fortpflanzten und sich genetisch von ihren wilden Vorfahren unterschieden.

Die frühen Tierhalter mussten viel lernen – etwa, wie man Tiere in Gefangenschaft hält, gesund erhält und vermehrt. Anfangs führten falsche Haltung, und mangelhafte Ernährung zu Krankheiten, Gelenkschäden und hoher Jungtiersterblichkeit, was immer wieder Nachschub aus freier Wildbahn erforderlich machte. Erst mit der Zeit verbesserten sich die Haltungsbedingungen, und die weiträumige Weidehaltung setzte sich durch. Die Entwicklung zu stabilen, heute bekannten Nutztierrassen dauerte Jahrhunderte.

Mit der Entwicklung erster Hochkulturen im alten Ägypten, Mesopotamien, China und Indien gewann die Tierhaltung immer mehr an Bedeutung. Rinder, Esel und später Pferde wurden als Zugtiere eingesetzt, trugen schwere Lasten oder zogen Wagen und Pflüge. Nutztiere ermöglichten so die Entwicklung komplexerer Landwirtschaft und Handelsrouten.

Die Pferdedomestikation (ab ca. 4.000 v. Chr. in den Steppengebieten Eurasiens) veränderte die Mobilität des Menschen grundlegend. Pferde ermöglichten größere Reichweiten bei Transport und Kriegsführung und galten oft als Prestigeobjekte.

Die industrielle Revolution: Tiere als Massenware

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Hans Schmitz-Wiedenbrück (1907-1944)
 Mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert änderte sich die Beziehung zu Nutztieren erneut. Maschinen ersetzten viele Aufgaben, die früher Tiere übernommen hatten. Gleichzeitig ermöglichte die Industrialisierung eine Massenproduktion von Fleisch, Milch und Eiern. Tiere wurden in großen Beständen gehalten, Züchtung und Tierhaltung wurden rationalisiert und industrialisiert.

 

Fazit:

Die Geschichte der Domestikation zeigt, wie eng die Entwicklung des Menschen mit der Entwicklung seiner Haustiere verknüpft ist. Aus wilden Tieren wurden im Laufe von Jahrtausenden treue Begleiter, lebenswichtige Nahrungsquellen und unersetzliche Helfer in der Landwirtschaft und im Transportwesen. Durch die Sesshaftwerdung des Menschen entstanden neue Lebensräume und Gelegenheiten, die den Übergang von Wildtier zu Nutztier ermöglichten.

Mit zunehmendem Wissen und technischen Fortschritt verfeinerte sich die Tierhaltung, sodass Tiere gezielt gezüchtet und effizient genutzt werden konnten. Die industrielle Revolution verstärkte diese Entwicklung, indem Tiere immer stärker als wirtschaftliche Ressource betrachtet wurden – ihr Wert lag nun vor allem in ihrer Leistungsfähigkeit und Produktivität.

Die Domestikation von Tieren ist ein bedeutender Meilenstein in der Kulturgeschichte des Menschen. Sie hat nicht nur seine Ernährung und Mobilität revolutioniert, sondern auch seine Gesellschaften tiefgreifend geprägt. Gleichzeitig wirft sie bis heute Fragen nach dem verantwortungsvollen Umgang mit Tieren und ihrer artgerechten Haltung auf.